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Viele Textilien lassen sich nur schwer recyceln – neue Verfahren versprechen Abhilfe. Das Mischfaser-Recycling-Konzept des Start-ups Eeden hat beim Sustainable Impact Award von WirtschaftsWoche und Generali überzeugt.

Bislang landet ein Großteil des Textilmülls nicht in Recyclinganlagen, sondern auf Deponien. | Foto: Adobe Stock
Rund 7,5 Millionen Tonnen Textilmüll fallen laut einer Analyse des Beratungsunternehmens McKinsey jährlich in Europa an – überwiegend Kleidung und Heimtextilien wie Bettwäsche, Gardinen oder Tischdecken. Der größte Teil dieses Mülls landet in Verbrennungsanlagen oder auf Deponien. Wenn überhaupt, geschieht Recycling meist in Form des Downcyclings: Aus Kleidung werden beispielsweise Wischlappen. Weniger als ein Prozent der ausgedienten Textilien lassen sich zu neuen, gleichwertigen Produkten wiederverwerten.
Eine Situation, die Reiner Mantsch und Steffen Gerlach nicht akzeptieren wollen. Um bessere Verfahren für das Textilrecycling zu entwickeln, haben sie 2019 gemeinsam das Start-up Eeden gegründet. Ihr erster Erfolg: eine marktreife Methode für das chemische Recycling von Baumwoll-Polyester-Mischfasern. Deren Wiederverwertung scheiterte bisher daran, dass sich die Fasermischungen durch herkömmliche mechanische Recyclingmethoden nicht in ihre Einzelteile zerlegen lassen.
„Unser chemisches Verfahren basiert auf der Fest-Flüssig-Trennung“, erklärt Gerlach. „Wir haben einen Prozess entwickelt, der Polyester in eine flüssige Form umwandelt, während die Baumwolle fest bleibt.“ Das separierte Polyester zerlegt Eeden hierbei in seine Grundbausteine; aus der Baumwolle gewinnt das Start-up Zellulose. Diese sogenannten Sekundärrohstoffe dienen der Industrie als Basis für neue Kunststoffe und baumwollähnliche Fasern wie Viskose oder Lyocell, aus denen wiederum Kleidung entsteht.

Steffen Gerlach (links) und Reiner Mantsch entwickeln mit Ihrem Start-up Eeden neue Verfahren zum Textilrecycling. | Foto: Eeden
Für sein innovatives Verfahren erhielt Eeden im Herbst des vergangenen Jahres den Nachhaltigkeitspreis Sustainable Impact Award (SIA) in der Sonderkategorie Generali NewComer EnterPrize, verliehen von WirtschaftsWoche und Generali Deutschland. Für die Gründer und ihr Team bedeutet die Auszeichnung durch eine renommierte Jury aus Wirtschafts- und Nachhaltigkeitsexperten mehr als bloß eine willkommene Anerkennung ihrer Arbeit. Sie ziehe öffentliche Aufmerksamkeit nach sich, auch die von Investoren, berichtet Gerlach.
Eeden kommt das Interesse zupass, denn das Start-up plant gerade den nächsten Schritt bei der Skalierung seines Geschäftsmodells: den Bau einer Demonstrationsanlage. „Wir streben danach, Sekundärrohstoffe in industrieller Größenordnung zu produzieren, um für potenzielle Abnehmer attraktiv zu sein“, sagt Gerlach. Den benötigten kleinen zweistelligen Millionenbetrag soll eine neue Finanzierungsrunde einbringen.
Unterstützung erfahren die Gründer dabei durch ein Mentoring-Programm des Frühphasen-Investors Plug and Play Ventures – eine Belohnung für den Spitzenplatz beim SIA. „Gemeinsam mit den Eeden-Gründern arbeiten wir daran, Kontakte zu interessanten Unternehmenspartnern und Industrieexpert:innen in unserem weltweiten Netzwerk herzustellen“, erläutert Adrian Krepinsky, Partner Success Manager bei Plug and Play. Kontakte, die nach Gerlachs Einschätzung sehr hilfreich sind. „Wir schätzen die Unterstützung in dieser für uns wichtigen Phase sehr“, sagt er.

Behälter mit getrockneter Zellulose, einem der Endprodukte des Recyclingprozesses. | Foto: Eeden
Hat die Finanzierungsrunde Erfolg, soll Eedens neue Recyclinganlage 2025 in Betrieb gehen. Und dann? Gerlach zeigt sich optimistisch, dass die Sekundärrohstoffe seines Start-ups sich am Markt werden behaupten können. „Skalierung versetzt uns in die Lage, unter anderem die Personalkosten zu senken und preislich mit konventionellen Rohstoffen zu konkurrieren“, führt der Gründer aus. Weitere, noch größere Recyclinganlagen sollen folgen. Das nötige Marktpotenzial sollte vorhanden sein: Schon für 2030 schätzen Experten den jährlichen Umsatz mit Textilrecycling in Europa auf sechs bis acht Milliarden Euro.
Die Textilindustrie zeigt bereits Interesse an Eedens Produkten. Den Gründern zufolge laufen Gespräche mit weltweit bekannten Modemarken wie auch mit kleineren Playern, erste Vorverträge mit künftigen Abnehmern der recycelten Fasern sind unterzeichnet – die Enthüllung der Partner ist laut Gerlach und Mantsch aber erst für den Zeitpunkt der offiziellen Produktvorstellung geplant. Auch Kooperationsverträge mit großen Textilverwertern und Entsorgungsunternehmen sollen kurz vor dem Abschluss stehen, um den kontinuierlichen Zugang zu recycelbarem Textilmüll zu gewährleisten.

Angst vor Materialknappheit müssen die Gründer kaum haben. Einerseits bevorzugen Wettbewerber meist sortenreine Fasern anstelle der komplexeren Mischfasern. Andererseits ist das weltweite Aufkommen an Textilfasern in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen – ein Trend, der sich voraussichtlich fortsetzen wird (siehe Grafik).
Dank neuer Technologien wie der von Eeden könnten laut einer aktuellen Analyse zum Ende des Jahrzehnts rund 30 Prozent des Textilmülls zu neuer Kleidung recycelt werden. Ein realistisches Ziel? „Ja, aber ein ambitioniertes“, urteilt Gerlach. Bei allem Stolz auf den Erfolg seines Start-ups plädiert der Gründer für einen umfassenderen Ansatz zur Nachhaltigkeits-Transformation im Textilsektor. Neue Recyclingverfahren seien zwar ein wichtiger Schritt, argumentiert er. Der nachhaltigste Weg aber bestehe darin, Kleidung länger zu nutzen, anstatt sie zu entsorgen.