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Nachhaltigkeit ist längst mehr als ein Imagefaktor in der Kapitalanlage: ESG-Kriterien beeinflussen heute Risikobewertung, Regulierung und Investmententscheidungen institutioneller Investoren. Im Interview erklärt Ulrich Ostholt, Chief Investment Officer der Generali Deutschland AG, warum nachhaltige Investments kein Renditenachteil sein müssen, welche Verantwortung Versicherer tragen – und wie sich Greenwashing vermeiden lässt.

Ulrich Ostholt, Chief Investment Officer der Generali Deutschland AG
Herr Ostholt, nachhaltige Investments gelten als Megatrend. Ist ESG1 für institutionelle Investoren wie die Generali Deutschland inzwischen Standard – oder noch ein Spezialthema?
Wir verstehen unter Nachhaltigkeit sowohl ökologische (E), soziale (S) und unternehmensethische bzw. governance‑bezogene (G) Faktoren. Für uns ist ESG kein Trend, sondern eine Haltung, die unsere gesamte unternehmerische Ausrichtung bestimmt. Entsprechend ist Nachhaltigkeit im Sinne von ESG in unserem Unternehmen fest in den Investmentprozess integriert – und zwar nicht nur aus inhaltlichen Gründen, sondern auch aus der Risikoperspektive. Klimabezogene und andere ESG-Risiken, wie zum Beispiel Reputationsverlust oder Anpassungen von Governance, wirken sich zunehmend auf Bewertungen und Geschäftsmodelle aus. Deshalb ist ESG für uns wie auch für andere institutionelle Investoren heute längst kein Spezialthema mehr, sondern wesentlicher Bestandteil professioneller Kapitalanlage.
Viele Anleger befürchten, dass nachhaltige Investments Rendite kosten könnten. Wie sehen Sie dieses Spannungsfeld zwischen Nachhaltigkeit und Ertrag?
Nachhaltige Investments – also solche im Sinne von ESG – kosten nicht per se Rendite. Das zeigen auch zahlreiche Vergleiche und Untersuchungen. Entscheidend ist: Durch nachhaltiges Investieren berücksichtigen wir zusätzliche Risikodimensionen. Das sind zum einen insbesondere transitorische Risiken, die z. B. durch den Übergang zu einer CO₂-ärmeren Wirtschaft zu erhöhtem Aufwand, steigenden Kosten und verändertem Marktverhalten führen können. Und zum anderen berücksichtigen wir ebenso physische Risiken, wie z. B. klimabedingte Schäden. Wer diese Risiken konsequent berücksichtigt, trifft langfristig robustere Anlageentscheidungen und vermeidet Investitionen in Unternehmen, deren Geschäftsmodelle potenziell unter Druck geraten könnten.
Für uns als Versicherer kommen zudem spezifische Rahmenbedingungen hinzu: Unser Portfolio muss regulatorische Anforderungen erfüllen – etwa im Hinblick auf Solvabilität und Kapitalunterlegung. Anlagen im Sinne der ESG-Kriterien müssen deshalb nicht nur inhaltlich überzeugen, sondern auch in die Risiko- und Kapitalstruktur eines Versicherers passen.
Verändern ESG-Kriterien die Art, wie Risiken in der Kapitalanlage bewertet werden – etwa bei Klimarisiken oder regulatorischen Veränderungen?
Ja, definitiv. Wir beziehen solche Risikodimensionen heute systematisch in unsere Kapitalanlage ein – und passen Risikobewertung sowie Anlagehorizont entsprechend an. Gleichzeitig gewinnen regulatorische Anforderungen an Bedeutung, insbesondere wenn man die Produktseite mitdenkt: Vorgaben und Reportingpflichten beeinflussen, welche Anlagen als geeignet gelten und wie sie im Portfolio gesteuert werden.
Wie integriert die Generali Nachhaltigkeitskriterien konkret in den Investmentprozess – von der Auswahl der Anlage bis zur laufenden Bewertung?
Wir haben eine übergreifende Nachhaltigkeitsstrategie implementiert, die auch für den gesamten Investmentprozess gilt. Für unsere direkten Investments stützen wir uns dabei auf vier zentrale Bausteine: Negativscreening, Positivscreening, ESG-Integration und Active Ownership.

Können Sie diese vier Bausteine Ihrer Nachhaltigkeitsstrategie kurz erläutern?
Negativscreening bedeutet für uns, dass wir Emittenten, Sektoren oder Aktivitäten ausschließen, die nicht mit unseren Nachhaltigkeitsanforderungen vereinbar sind und die zugleich ein erhöhtes Nachhaltigkeits- oder Reputationsrisiko bergen – etwa, weil sie die langfristige finanzielle Leistungsfähigkeit beeinträchtigen können. Beispielsweise schließen wir Emittenten aus, die unkonventionelle Gas- und Ölförderung durch Fracking betreiben, wenn mehr als 10% der Einnahmen aus der vorgelagerten Öl- und Gasförderung stammen.
Positivscreening heißt, dass wir ergänzend gezielt in Emittenten oder Projekte investieren, die auch aufgrund ihrer positiven ESG-Performance ausgewählt werden. Dazu nutzen wir je nach Anlageklasse – also zum Beispiel Aktien oder Anleihen – und Vergleichsgruppe Best-in-Class-, Best-in-Universe- und/oder Best-Effort-Ansätze.
ESG-Integration wiederum heißt für uns, dass wir wesentliche Nachhaltigkeitsfaktoren der Anbieter wie Klimawandel und Treibhausgasemissionen explizit in Analyse und Investmententscheidungen einbeziehen. Ziel ist es, Risiken besser zu steuern und Renditechancen zu verbessern, indem wir qualitative und quantitative ESG-Informationen sowohl auf Portfolio- als auch auf Einzelemittentenebene berücksichtigen.
Und Active Ownership heißt für uns, dass wir als langfristig orientierter Investor unseren Beitrag zur Risikominderung und Wertschöpfung leisten wollen. Dazu überwachen wir Portfoliounternehmen hinsichtlich relevanter Aspekte wie Strategie, finanzielle und nichtfinanzielle Ergebnisse, Risiken, Kapitalstruktur, soziale und ökologische Auswirkungen sowie Corporate Governance. Zudem führen wir einen aktiven Dialog über Nachhaltigkeitsthemen und üben – wo möglich – Stimm- und Mitwirkungsrechte aus, um bessere Governance und nachhaltigere Geschäftspraktiken zu fördern.
Zur Unterstützung dieser Nachhaltigkeitsstrategie haben wir zudem gruppenweit verschiedene Verpflichtungen, wie z. B. den United Nations Global Compact oder die United Nations Principles for Responsible Investment, unterzeichnet und beteiligen uns an Initiativen und Netzwerken, die klare Leitlinien und bewährte Verfahren für die Integration von Umwelt-, Sozial- und Governance-Prinzipien in die Anlagepraxis fördern – über unterschiedliche Anlageklassen hinweg.
Zusammengefasst kann man also sagen: Wir kombinieren im Anlageprozess Ausschlüsse mit einer aktiven Suche nach geeigneten ESG-Investments. Gleichzeitig treiben wir über Active Ownership unsere bestehenden Beteiligungen in Richtung nachhaltigerer Geschäftspraktiken – bei Bedarf auch durch die Wahrnehmung von Stimmrechten. Selbstverständlich überprüfen wir laufend, ob Investments unsere ESG-Kriterien weiterhin erfüllen.
Versicherer verwalten enorme Kapitalmengen. Welche Verantwortung tragen institutionelle Investoren Ihrer Ansicht nach bei der Finanzierung der nachhaltigen Transformation der Wirtschaft?
Institutionellen Investoren kommt dabei eine große Verantwortung zu. Gerade große Anleger können durch die Lenkung von Kapitalströmen erheblichen Einfluss ausüben. Zum Beispiel indem sie Kapital gezielt in Lösungen und Technologien investieren, die die Transformation unterstützen. Und indem sie gleichzeitig Geschäftsmodelle mit klaren Nachhaltigkeitsdefiziten, etwas bei Verstößen gegen die Grundsätze des UN Global Compact, weniger stark finanzieren. Genau an dieser Stelle setzt unsere Strategie an, etwa über Active Ownership: Wir wollen Wirkung nicht nur über die Kapitalallokation erzielen, sondern auch über den aktiven Dialog mit Unternehmen.
Die Kritik am sogenannten Greenwashing wächst. Wie stellen Sie sicher, dass nachhaltige Investments tatsächlich Wirkung entfalten?
Greenwashing nehmen wir sehr ernst. Deshalb setzen wir auf ein regelmäßiges, unabhängiges Monitoring. Wir verlassen uns nicht allein auf das, was ein Fondsmanager kommuniziert, sondern analysieren die zugrunde liegenden Investments und bewerten sie selbst im Hinblick auf unsere Nachhaltigkeitskriterien. Zusätzlich monitoren wir die CO2-Bilanz unseres Portfolios und identifizieren im Rahmen von Negativscreening und Active Ownership gezielt Nachzügler („Laggards“), um mit diesen in den Dialog zu treten oder – falls erforderlich – Konsequenzen im Investment zu ziehen.
Welche Anlagebereiche sehen Sie derzeit als besonders attraktiv – sowohl aus Nachhaltigkeits- als auch aus Renditesicht?
Aktuell sehen wir insbesondere Infrastruktur als sehr attraktiv – hier gibt es viele anschauliche Beispiele, etwa Investitionen in erneuerbare Energien, Energieeffizienz oder ressourcenschonende Mobilität. Darüber hinaus kann auch die Kreditfinanzierung über private Investoren, wie Versicherer oder Fondsgesellschaften, interessante Möglichkeiten bieten, um Renditeziele mit einer klaren Wirkung auf die ESG-Zielsetzung zu verbinden. Voraussetzung für uns ist dabei selbstverständlich, dass Struktur und Transparenz mit unseren Kriterien übereinstimmen.
Wie wird sich nachhaltiges Investieren in den kommenden zehn Jahren entwickeln – wird ESG irgendwann einfach Teil jeder Investmentstrategie sein?
Ja! Wir sind überzeugt: Die globale Erwärmung und die Endlichkeit natürlicher Ressourcen zwingen uns langfristig zu einem CO2-ärmeren und ressourcenschonenderen Wirtschaften. Die damit verbundenen Risiken und Chancen sind aus einer Kapitalanlagestrategie nicht mehr wegzudenken. Entsprechend wird ESG – mit wenigen Ausnahmen – zu einem integralen Bestandteil nahezu jeder Investmentstrategie werden.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Ostholt.
1 Environmental, Social and Corporate Governance, kurz ESG und englisch für Umwelt, Soziales und Unternehmensführung bilden die drei Säulen nachhaltigen Wirtschaftens