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Ist der digitale Euro das bessere Bargeld?

Experteninterview

Der digitale Euro ist eine große Chance für den Euroraum –

...und ein wichtiger Baustein hin zu europäischer Eigenständigkeit im so wichtigen Bereich Zahlungsverkehr. Wie soll das digitale Bargeld der EZB aussehen, was muss es können und wie sicher ist es? Dr. Nils Beier, Geschäftsführer im Bereich Finanzdienstleistungen und öffentlicher Sektor bei Accenture Strategy und Experte für digitales Zentralbankgeld (DZBG), gibt Antworten.

Teil I

Herr Beier, die EZB prüft, ob sie ein eigenes digitales Geld für Endverbraucher einführen soll. Das klingt zunächst wie eine Art Bitcoin von offizieller Stelle. Wie bewerten Sie diese Überlegungen?

Vorab, mit Bitcoin hat der digitale Euro der EZB eigentlich nicht viel zu tun. Das einzige „Produkt“ der Zentralbanken für die Allgemeinheit ist Bargeld. Der Euro als Banknote oder Münze ist eine wichtige Vertrauensbasis unseres Finanz- und Wirtschaftssystems. Fachleute sprechen dabei von einer Anker-Funktion. Ich kann das elektronische Geld meiner privaten Bank jederzeit in sicheres Bargeld der Zentralbank umtauschen. Darauf stützt sich mein Vertrauen in die Stabilität des Euros. Allerdings nehmen der Einsatz von und die Bezahlmöglichkeiten mit Bargeld derzeit rapide ab. Kartenzahlung, Mobile-Payment-Dienste und der E-Commerce holen auf. Für Zentralbanken erwächst daraus natürlich ein Problem.

Welches?

Wie sollen Währungshüter relevant bleiben, die Bevölkerung mit sicheren Zahlungsmitteln versorgen, das Finanzsystem stabilisieren, wenn eines ihrer Kernprodukte hierfür, das Bargeld, kaum noch jemand nutzt?

Wie schätzen Sie das Argument ein, die EZB reagiere mit einem digitalen Euro direkt auf die gestiegene Beliebtheit von Kryptowährungen?

Es geht der EZB im Kern darum, der Bevölkerung weiterhin Zugang zu einem sicheren, effizienten und von der Zentralbank garantierten Zahlungsmittel zu verschaffen. Gerade auch für Menschen, die heute keinen Zugang zu digitalen Zahlungsformen haben und deshalb auf Bargeld angewiesen sind. Es sollen aber auch Innovationskraft und Digitalisierung der Eurozone gestärkt und am Ende die Souveränität und die internationale Bedeutung des Euros gesichert werden. Dies alles soll in bewährter Zusammenarbeit mit den privaten Akteuren erfolgen. Das Aufkommen von Kryptowährungen ist also gar nicht so sehr der Auslöser. Allerdings könnte ein digitaler Euro, der mit moderner Technologie und mit innovativen Funktionalitäten ausgestattet ist, Stichwort „Programmierbarkeit“, Kryptowährungen überflüssig machen. Die Eurozone könnte in diesem Bereich eine echte Führungsrolle übernehmen.

Teil II

Überhaupt: Was muss ein digitaler Euro können, um erfolgreich zu sein?

Da gibt es mindestens drei Faktoren: Erstens muss der digitale Euro ähnlich wie Bargeld für die Nutzer:innen möglichst kostenlos und überall im täglichen Leben verfügbar sein. Ich muss damit beim Bäcker mit der Karte genauso gut bezahlen können wie meinen Freund mit dem Smartphone oder im Online-Shop mit einem QR-Code. Zweitens sollte er ebenso wie Bargeld allen Menschen zugänglich sein, also zum Beispiel auch den rund 30 Millionen Menschen in der EU, die heute de facto nicht digital zahlen können. Drittens sollte der digitale Euro sehr sicher sein, auch im „Katastrophenfall“ funktionieren und möglichst keine Daten an Dritte preisgeben. Das ist eine äußerst anspruchsvolle Aufgabe.

Schweden hat mit der E-Krone genauso wie China mit dem E-Yuan bereits erfolgreich eine elektronische Währung unter Zentralbankkontrolle eingeführt. Ist das eine Blaupause für die EZB?

Die EZB schaut sich natürlich alle Entwicklungen von Zentralbankwährungen an. Hier gibt es neben den genannten noch eine ganze Reihe weiterer wichtiger Aktivitäten und die EZB ist hier in sehr engem Austausch. Tatsächlich sind die Anforderungen sehr hoch und vieles ist neu. Programmierbares Geld, das die privaten Daten so schützt wie Bargeld, extrem viele Transaktionen auf einmal abwickeln kann, sicher gegen Cyber-Angriffe ist. Das ist schon sehr anspruchsvoll – und bislang auch noch nirgends auf der Welt vollbracht. Von daher sind alle Projekte für die EZB Ideengeber, aber keine Blaupause. Für die konkrete Ausgestaltung und technische Lösung müssen dann vor allem die vielen unterschiedlichen Interessen in der Eurozone in Einklang gebracht werden, zum Beispiel die der Nutzer:innen, der Händler, der Finanzwirtschaft, der Aufsicht. Und natürlich muss das dann auch alles technisch machbar sein.

Anders als beim Bezahlen mit Bargeld gibt es bei elektronischen Zahlungen immer einen Dritten, der die Transaktion abwickelt, sei es eine Bank, ein Kreditkartenunternehmen oder ein anderer Dienstleister. Wie soll das beim digitalen Euro funktionieren?

Der digitale Euro könnte als „Token“ ausgestaltet werden. Hier erfolgt eine Übertragung nur durch die Prüfung des Tokens selbst, nicht durch die Identifikation des Zahlenden und die Prüfung des Kontos wie in klassischen, konto-basierten Modellen. Die Überprüfung des Tokens kann grundsätzlich durch den Zahlungsempfänger allein erfolgen. Technisch ist dies durch bestimmte Hardware heute darstellbar. Das kommt dem Bargeld dann schon sehr nahe. Allerdings muss nach einer bestimmten Zeit geprüft werden, ob nicht ein paar „gefälschte“ Token im elektronischen Umlauf sind. Sprich, die ganzen bislang „offline“ durchgeführten Transaktionen werden online in einer Art Datenbank der EZB nachgetragen und überprüft. Andernfalls würde dieses System förmlich zum Betrug einladen. Am Ende ist dies ähnlich wie beim Bargeld, hier wird auch immer mal wieder durch eine Bank geprüft, ob nicht eine Blüte dabei ist.

Der digitale Euro soll wie Bargeld funktionieren. Bargeld bietet ein hohes Maß an Anonymität beim Bezahlen. Wie sieht es bei seinem digitalen Pendant aus?

Auch der digitale Euro soll die Privatsphäre der Nutzer:innen möglichst umfassend schützen. Das ist sehr wichtig für die Akzeptanz bei europäischen Verbraucher:innen. Aktuelle Überlegungen sehen vor, dass der digitale Euro nur durch regulierte Finanzdienstleister an die Nutzer:innen ausgegeben werden soll. Bei der Ausgabe werden dann die üblichen Kontrollen durchgeführt, Stichwort: Identitätsprüfung. Was nach der digitalen Ausgabe geschieht, ließe sich zwar weitgehend anonymisieren. Doch ganz ohne die Weitergabe von Daten geht es leider nicht.

Wieso nicht?

Zum einen sind regulatorische Vorgaben durch die Finanzdienstleister zu erfüllen im Hinblick auf Geldwäsche und Sanktionen. Zum anderen wird sich der digitale Euro nur verbreiten, wenn er Banken und Handel kommerzielle Vorteile bringt. Und dies geschieht im digitalen Bereich immer in Form von Daten, die für neue Geschäftsmodelle, Produkte oder Dienstleistungen verwendet werden können. Wer dann welche Daten zu welchem Zweck bekommt und verwenden darf, kann dann die EZB festlegen. Das ist meiner Meinung nach ein großer Vorteil, dass eine Institution mit einem so hohen öffentlichen Vertrauen im Sinne der Verbraucher:innen entscheidet und kein Unternehmen.

Wie definiert sich also Erfolg?

Erfolg bedeutet einerseits, dass der digitale Euro als Zahlungsmittel von möglichst vielen in ganz Europa und außerhalb eingesetzt werden kann und wird. Zudem wenn die privaten Marktteilnehmer neue, innovative Services darauf aufbauen und damit einen echten Digitalisierungs- und Innovationsschub in der Eurozone bewirken. Der digitale Euro darf aber auch nicht so „erfolgreich“ werden, dass viele Menschen große Teile ihres Ersparten in den digitalen Euro transferieren. Dann fehlen den privaten Banken diese Einlagen, aus denen sie zum Beispiel Kredite für ihre Kund:innen bedienen. Das käme einer Art digitalem Bank Run gleich, der die Systemstabilität gefährden würde – erst recht in Krisenzeiten.

Teil III

Lässt sich das Risiko eines digitalen Bank Runs begrenzen?

Ja, hieran wird derzeit ebenfalls gearbeitet. Zwei Wege werden angedacht: Entweder erhebt die EZB Strafzinsen ab einem bestimmten Halte-Limit, oder sie tauscht oberhalb eines Limits alle Euros automatisch in Einlagen-Euros bei den Banken der Kund:innen ein. So kann dem Markt nicht beliebig viel Geld entzogen werden. Als digitales Limit werden derzeit 3.000 Euro diskutiert. Um dies effektiv umzusetzen, wäre eine europaweite digitale Identität für alle Konsument:innen notwendig – auch an dieser wird derzeit von der EU gearbeitet.

Welche Erfolgsaussichten hätte der digitale Euro, wenn er käme?

Wir haben eine sehr fragmentierte Zahlungslandschaft in Europa. Es gibt zahlreiche nationale Zahlsysteme, die alle sehr begrenzt sind. Um europaweit digital zahlen zu können, sind wir Europäer meist von US-Anbietern abhängig. Der digitale Euro bietet die große Chance, ein eigenes pan-europäisches Zahlsystem auf die Beine zu stellen, das unter der Kontrolle der Zentralbank eine neue Technologie für den europäischen Zahlungsverkehr liefert, die Interessen von Verbraucher:innen, Verbänden, Unternehmen und anderen Stakeholdern in Einklang bringt, ohne eigene kommerzielle Interessen zu verfolgen. Diese Chance gemeinsam mit der europäischen Finanzindustrie zu nutzen, ist großartig.

Wann könnten die ersten Zahlungen mit dem digitalen Euro möglich sein?

Der EZB-Zeitplan sieht eine Grundsatzentscheidung Ende 2023 vor. Ende 2025 soll die Umsetzungsphase abgeschlossen sein. Dann können erste Zahlungen mit dem digitalen Euro erfolgen. Das ist ein ambitionierter Zeitplan, der aber durchaus notwendig ist, wenn man die derzeitige Veränderungsgeschwindigkeit betrachtet. Der Zahlungsverkehr ist stark von Netzwerkeffekten geprägt. Treten diese erstmal ein, ist es für ein Umsteuern meist zu spät.

Vielen Dank für das Gespräch.

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